Mannheimer Morgen, 19. Juni 2010: Berliner Tagebuch: Joachim Gauck - vom Pensionär zum Anwärter auf das höchste Staatsamt
Kandidatur aus dem Stand herausVom Korrespondenten Martin Ferber
Berlin. So schnell kann's gehen. Gerade noch war er Pensionär, zwar vielbeschäftigt, aber ohne eigenes Büro, nun ist Joachim Gauck quasi aus dem Stand heraus Kandidat für das höchste Staatsamt. Alle wollen ihn sehen. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat ihm ein Büro im Willy-Brandt-Haus eingerichtet, um die Pressearbeit kümmern sich bis zum 30. Juni Johann Legner, hauptberuflich Redaktionsleiter bei der "Lausitzer Rundschau" in Cottbus, und Andreas Schulze, Referatsleiter bei Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Beide sind alte Bekannte. Legner war von 1996 bis 2000 Sprecher der "Gauck-Behörde", Schulze war von 2006 bis 2008 Sprecher von Gaucks Nachfolgerin Marianne Birthler. Zum Team gehört auch David Gill, in den turbulenten Zeiten nach der Einheit erster Pressesprecher der Stasi-Unterlagenbehörde.
Als Gast oder Gastgeber
Der Bundespräsidentenwahl am 30. Juni sieht Joachim Gauck selber mit großer Gelassenheit entgegen. Der Verstand sagt ihm, dass er rein rechnerisch keine Chance hat, doch das Gefühl und seine eigene Lebenserfahrung kontern, dass die Welt immer für eine Überraschung gut und nie etwas so fest gefügt ist, wie es scheint. Im übrigen, erzählt Gauck mit einem breiten Grinsen, egal, wie die Wahl am 30. Juni ausgeht, zwei Tage später, beim traditionellen Sommerfest der Bundespräsidenten am 1. Juli, zu dem noch der überraschend zurückgetretene Horst Köhler eingeladen hat, werde er in jedem Falle in Schloss Bellevue sein. Entweder als Gastgeber - oder als Gast. "Die Einladung habe ich schon."
Leser setzen Prioritäten
Geht es nach den Ausleihen in der Bundestagsbibliothek, dann ist die Präsidentenwahl längst entschieden. Joachim Gaucks Erinnerungen "Winter im Sommer, Frühling im Herbst", obgleich in mehrfacher Ausfertigung vorhanden, sind alle ausgeliehen, das Buch "Besser die Wahrheit" von Christian Wulff dagegen, die Wiedergabe eines Gesprächs mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg, ist verfügbar. Die Leser setzen eben Prioritäten.
Liebe geht durch den Magen
"Wildsau!" "Gurkentruppe!". Der liebevolle, fast zärtliche, in jedem Fall von großem gegenseitigem Respekt zeugende Umgangston zwischen FDP und CSU in der Berliner Regierung hat den Koch des Restaurants in der "Parlamentarischen Gesellschaft", einem beliebten Treff von Abgeordneten und Lobbyisten, zu einer ungewöhnlichen kulinarischen Kreation inspiriert. In diesen Tagen stand auf dem Speiseplan: "Wildschweinbraten mit Gurkensalat". Für die Mannheimer FDP-Abgeordnete Birgit Reinemund ein Wink mit dem Zaunpfahl: "Liebe geht durch den Magen."
Fußball und Politik
Von Anfang an sah es schlecht aus für das Begehren der Linksfraktion, in dieser Woche eine aktuelle Stunde des Bundestags zur Lage des Autobauers Opel anzusetzen. In einer Art übergroßen Koalition setzten die Union, FDP und SPD die Debatte auf den undankbarsten Termin dieser Woche - Freitagnachmittag, genau während des WM-Spiels Deutschland - Serbien. Öffentliches Interesse: Null. Immerhin, dank der Entscheidung von Opel-Mutterkonzern "General Motors", auf alle Staatsbürgschaften zu verzichten, fand die Linke eine elegante Begründung, von ihrem Begehren abzurücken. So endete gestern die Sitzung des Bundestags rechtzeitig vor dem Fußballspiel, damit alle schauen konnten.













