Dr. Birgit Reinemund - FDP-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Mannheim und kommunalpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion

Volkstrauertag 2011

meine Rede zur zentralen Gedenkfeier in Mannheim













Sehr geehrte Damen und Herren,

Bundespräsident Theodor Heuss hielt die erste Rede zum Volkstrauertag in der noch jungen Bundesrepublik. Darin zitierte er einen Soldaten, mit dem er zuvor über seine Gedanken gesprochen hatte, mit den Worten: "Vergessen Sie nicht, die Empfindungen der deutschen Mütter und Gattinnen sind auch die der englischen, französischen, italienischen, amerikanischen, auch der russischen Frauen."

Dieser Satz und die Erkenntnis, dass Krieg und Gewalt auf allen Seiten nur Opfer hinterlässt, gilt bis heute und für jeden Konflikt weltweit. Die Familien beweinen ihre Toten in jeder Kultur dieser Erde. Deshalb gedenken wir am heutigen Volkstrauertag all der Menschen, die durch Krieg und Terror, die durch Gewalt und Diktatur ihr Leben verloren haben.

Wir gedenken heute derer, die wegen ihrer Überzeugung, ihrer Religion, ihrer Rasse, ihrer sexuellen Orientierung oder einfach nur weil sie sind, wer sie sind, verfolgt, geschunden und ermordet wurden.

 

Krieg, Gewalt und Verfolgung sind keine Geißeln des vorigen Jahrhunderts allein. Auch unser noch junges 21. Jahrhundert ist voller kriegerischer Konflikten, die Leid und Tod über Millionen Menschen bringen. Unsere Welt ist nicht friedlich. 

Täglich erreichen uns Berichte und Bilder von Unruhen, Gewalt, Kriegen, immer vor allem auch menschliche Tragödien. Wir wissen um die Macht dieser Bilder, die zugleich auch Ohnmacht offen legt. Lassen sie uns nie vergessen: Hinter jedem Opfer steht eine persönliche Geschichte, stehen Familien. Jedes Opfer wird schmerzlich vermisst.

Meine Generation kennt die schmerzhaften Folgen von Krieg und Gewalt lediglich aus den Erzählungen der eigenen Eltern und Großeltern. Mein Vater war kriegsversehrt, körperlich offensichtlich, doch auch seelischen versehrt. So hatte ich in unserer Familie noch ein mittelbares Erleben der Kriegsfolgen.

Für viele junge Menschen ist Krieg und Gewaltherrschaft nur Geschichte, eine traurige Vergangenheit. Um so wichtiger ist der Volkstrauertag im Jahreskalender, um inne zu halten, um das Erinnern an die Toten und Gefallenen des 1. Weltkrieges und des 2. Weltkrieges wach zu halten.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs dürfen wir in Mitteleuropa in Frieden leben. Dafür bin ich unendlich dankbar. Doch schon an den Grenzen der Europäischen Union kommt und kam es in den letzten Jahren zu gewaltsamen Konflikten. Obwohl so nah, ist dies bei den Menschen kaum präsent. Die persönliche Betroffenheit fehlt.

Unsere eigene täglich gelebte Freiheit lässt die Bedrohung durch Krieg verblassen.

Der Philosoph Karl Jaspers hat das einmal folgendermaßen ausgedrückt: "Die Gewohnheit der täglich gegebenen Freiheit verführt zur Passivität. Das Bewusstsein der Gefahr schläft ein."

Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, die Massaker von Srebrenica oder die Gewaltausbrüche im Kosovo sind nur einige hundert Kilometer entfernt geschehen und auch heute zeigen die Fernsehbilder regelmäßig, dass Frieden selbst in Europa keine Selbstverständlichkeit ist.

Frieden, Freiheit und Menschenrechte sind weltweit an vielen Orten bedroht. Deutschland stellt sich seiner internationalen Verantwortung. Das ist eine Verpflichtung, die sich auch aus unserer eigenen Geschichte ergibt. Im sogenannten Dritten Reich ging erst die Achtung der Menschenrechte Einzelner verloren, dann die Freiheit aller in Deutschland und dann der Frieden in Europa und in der Welt.

Heute wird unser Eintreten für Frieden, Freiheit und Menschenrechte international geschätzt. Deutschland ist an mehreren Friedenseinsätzen beteiligt. Alle haben ein klares Mandat der Vereinten Nationen. Militärische Mittel bleiben für uns ?ultima ratio?. Deutschland steht auch künftig für eine Kultur der Zurückhaltung, wenn es um den Einsatz militärischer Macht geht.

Und dennoch ist Deutschland aktuell mit 7695 Soldatinnen und Soldaten in Auslandseinsätzen an Konfliktlösungsprozessen beteiligt - wir sprechen politisch korrekt von Friedenseinsätzen, von Konfliktlösungen - im Einsatz selbst, in der Belastung und vor allem in der Gefahr um Leben und Gesundheit nicht zu unterscheiden von Krieg.

Insgesamt fast 100 Tote beklagen wir seit 1995: in Bosnien/Herzegowina, in Albanien, Mazedonien, Kosovo. Alleine in Afghanistan haben bisher 52 Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst mit dem Leben bezahlt. Ihrer gedenken wir heute ebenfalls. Ihren Angehörigen gilt unser tief empfundenes Mitgefühl.

Unsere Gedanken sind bei allen, die fernab ihrer Heimat Ihren Dienst tun unter Einsatz von Leben und Gesundheit: Bei den Soldatinnen und Soldaten, den Polizistinnen und Polizisten, den Rettungskräften in humanitären Einsätzen, den Entwicklungshelfern und Diplomaten. Ihnen allen sind wir dankbar. Und wir sind stolz auf das, was sie leisten.

Wir wissen auch um die Folgen der Einsätze im Ausland für die Soldatinnen und Soldaten. Mit dem Einsatzversorgungsverbesserungsgesetz hat der Bundestag in den vergangenen Wochen erst die Situation der verwundeten Soldaten verbessert. Die Entschädigungszahlungen für Getötet und Schwerstbeschädigte wurden erhöht. Besonders wichtig auch, dass die "Glaubhaftmachung" für traumatisierte Soldaten deutlich vereinfacht wurde.

Unser Land schaut nicht weg, wenn Menschenleben in Gefahr sind. Deutschland engagiert sich für Sicherheit, wo Menschen sich ihres Lebens nicht sicher sein können. Wir wollen helfen, Freiheit dort zu schaffen, wo Menschen heute noch in Unfreiheit leben müssen.

Gerade weil wir aus unserer eigenen traurigen Geschichte gelernt haben, übernehmen wir heute Verantwortung in der Welt.

Meine Damen und Herren,

vor 65 Jahren - nach Ende des menschenverachtenden Nazionalsozialistischen Regimes - vertraute niemand mehr den Deutschen. Deutschland hatte sich selbst außerhalb der Staatengemeinschaft gestellt. Vor diesem Hintergrund haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes in dessen Präambel der deutschen Politik einen klaren Auftrag gegeben: "in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen".

Die Europäische Union ist heute das Fundament der deutschen Außenpolitik. Europa war und ist Garant für Freiheit, für Sicherheit und für unseren Wohlstand. Vor allem jedoch ist die europäische Einigung von Beginn an ein einzigartiges Friedensprojekt. Sie hat die Konfrontation in Europa überwunden und durch ein Modell der Kooperation und der Integration ersetzt.

Sie war Grundstein und Grundvoraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung, die ohne das Vertrauen unserer europäischen Nachbarn nicht möglich gewesen wäre.

Wenn wir heute gelegentlich über Europa klagen, am europäischen Prozess zweifeln, dann dürfen wir nie vergessen, welchen Wert Europa speziell für Deutschland hatte und hat: 65 Jahre Frieden auf unserem Kontinent und ein starke Stimme in der internationalen Staatengemeinschaft.

Ich mache mir Sorgen um Europa. Wer als Antwort auf die Euro-Krise den europäischen Gedanken in Frage stellt, der hat aus der Geschichte nichts gelernt.

Kooperation kann mühsam sein. Wer aber die Folgen von Konfrontation kennt, wer die europäische Geschichte kennt, der weiß, dass Kooperation jede Mühe wert ist. Das Erfolgsgeheimnis der europäischen Einigung ist der Tisch in Brüssel, an dem alle EU-Staaten gleichberechtigt und ebenbürtig sind - unabhängig von ihrer Größe. Die Europäische Union ist nicht geteilt in wichtige und unwichtige Staaten. Wir konnten Jahrhunderte der Konfrontation nur deshalb durch das Prinzip der Kooperation überwinden, weil wir uns auf gleicher Augenhöhe begegneten.

Auch wenn die aktuelle Krise um den Euro schwierig und tiefgreifend ist und die Auseinandersetzungen heftig. Wir müssen mit unseren europäischen Partnern am Verhandlungstisch bleiben und um Lösungen ringen -gemeinsam, nicht gegeneinander. Deutschland darf sich nie wieder isolieren, auch nicht in der heutigen vermeintlichen Stärke.

 

Meine Damen und Herren,

die Erinnerung und Mahnung an die Vergangenheit ist wichtig und aktuell wie eh und je. Es gibt Stimmen, die sagen: Volkstrauertag - das ist gestern, das ist nur Ritual, Pathos. Brauchen wir das 65 Jahre nach dem letzten Krieg?

Ignaz Bubis, der früherer Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland formulierte es so: "Wenn wir die Geschichte vergessen, wird sie sich wiederholen".

Deshalb ist die Erinnerungsarbeit am Volkstrauertag und die Arbeit des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge so enorm wichtig.Die Gräber und Gedenkstätten der Opfer von Krieg, Gewalt und Terror sind nicht nur Mahnmale der Geschichte. Sie sind vor allem Orte, die den Toten eine Stimme geben, an denen diese uns daran erinnern, was sie gesehen, erlebt, erlitten haben - und welchen Auftrag sie uns heute erteilen. Ihr Vermächtnis heißt: Frieden!

Ich wünsche uns, dass der Volkstrauertag zu einem Tag des Friedens und der Freiheit wird!

 

 


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